Hilfe, wir verblöden: Klassiker in „einfacher Sprache“ an Berliner Schulen
Berlin. Man könnte es für einen Faschingsscherz halten – schließlich steht die Karnevalssaison wieder vor der Tür. Aber die Meldung ist ernstgemeint: an Berliner Gymnasien werden im Deutschunterricht zunehmend Fassungen bekannter Werke der Literatur in „einfacher Sprache“ statt der Originale verwendet. Die Werke sollen dadurch für die Schüler zugänglicher gemacht werden. Insbesondere soll damit der „Aufmerksamkeitsspanne“ der Schüler Rechnung getragen werden, die offenbar nicht mehr hinreicht, „Goethe“ oder „Nathan der Weise“ im Originaltext in voller Länge durchzuhalten.
Die Maßnahme kommt einer Kapitulation gleich. Denn bisher gehörte es zum Kern schulischer Ausbildung, den Nachwuchs zu fordern, aber nicht die Meßlatten tiefer zu legen.
Speziell in der Literatur bedeutet die sprachliche Ausdünnung den Verlust von Wesentlichem. Die eigentliche Substanz eines Werkes – Klang, Rhythmus, Mehrdeutigkeit – geht verloren. Ein Text von Goethe wirkt durch seine Sprache und Vielschichtigkeit. Nimmt man sie ihm, bleibt ein seelenloses Sprachgerüst. Es ist, als entferne man aus einer Symphonie alle Dynamik oder die Orchestrierung; die Notenfolge ist erkennbar, der emotionale Ausdruck aber verschwunden.
Der allgemeine pädagogische Rückzug ist damit auch im Deutschunterricht angekommen. Systematische Vereinfachung trainiert nicht das Erfassen komplexer Gedankengänge, sondern das Ausweichen vor ihnen. Die mitunter sperrige Eigenart eines Klassikers ist kein Mangel, sondern macht gerade seine Einzigartigkeit aus. Denn an solchem sprachlichen „Widerstand“ schärft sich kritisches Denken und ästhetisches Empfinden. Wird alles „mundgerecht“ gemacht, verkümmert beides.
Das Signal an die Adresse der nächsten Generationen ist fatal: eine Lernkultur, die Schwieriges zur Zumutung erklärt, statt es als Aufgabe zu begreifen, entmündigt die Jugend. Und Schüler bemerken recht gut, wenn Ansprüche gesenkt werden, und nehmen das Dargebotene entsprechend weniger ernst. Der Respekt vor der Schule schwindet noch mehr.
Berlin ist kein Einzelfall. Aus Niedersachsen war jüngst die Hiobsbotschaft zu hören, ab dem Schuljahr 2026/27 werde dort an den Grundschulen schriftliches Dividieren in der bisherigen Form nicht mehr gelehrt – eine Initiative der grünen Kultusministerin Julia Willie Hamburg. Und schon seit vielen Jahren wird der sogenannte „Bamberger Wortschatz“ im Lateinunterricht immer mehr eingedampft.
Die Annahme, Anforderung müsse durch Vereinfachung ersetzt werden, ist eine Bankrotterklärung. Man darf sich nicht wundern, wenn Schulabgänger und selbst Hochschulabsolventen immer weniger wissen und unübersehbare Lücken in grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen mit in ihr weiteres Leben nehmen. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es ein Abstieg – und für die Bildung im Lande sowieso. (rk)